Der Spießer als Rebell (1)

Ein paar skizzenhafte Überlegungen zum Gerede über die „Diktatur der Politischen Korrektheit“.

  1. Hat es überhaupt einen Sinn, gegen dieses Gerede von der „Diktatur der Politischen Korrektheit“ anzuschreiben? Ein pessimistischer Einstieg. Und ein trotziger: Warum ich auf den traditionellen Spießer-Begriff zurückgreife

 

Meine Erfahrung als Journalist, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten immer mal wieder mit dieser pseudokritischen rhetorischen Figur der „Politischen Korrektheit“ beschäftigt hat, gibt Anlass zum Pessimismus: Gegen populäre Phrasen ist immer schwer anzukommen – solange sie allenthalben auf gedankenlose Zustimmung oder stummes Einverständnis treffen, als sei vollkommen klar, wofür sie stehen und wogegen sie sich richten.

Immerhin: Zu den Erfahrungen, die sich bei Beobachtungen der politischen Arena gewinnen lassen, gehört ebenso, dass auch sehr erfolgreiche Parolen — denken wir nur an die im Phrasensumpf versunkenen Preziosen wie „Progressivität“ und „Betroffenheit“ —  eine Verfallszeit haben. Sie gehen nicht zuletzt an ihrem inflationären Gebrauch zugrunde. Ihre Attraktivität nimmt ab, wenn, wie bei dem PC-Gerede inzwischen eigentlich schon erreicht, jeder Depp die Rede von der Gefahr der „Meinungsdiktatur“ durch „politische Korrektheit“ im Munde führt. Es bringt nun mal keine Distinktionsgewinne, in ein Massengeblöke einzustimmen.

Aber offensichtlich haben wir es hier mit einem besonders zähen Phänomen zu tun – vielleicht auch deshalb, weil diese rhetorische Attacke auf den liberalen Konsens einen langfristigen und tiefgreifenden Rechtsruck unserer  politischen Kultur begleitet. An Bedeutung verlieren könnte diese Parole, weil der bisher mit ihrer Hilfe verdeckt geführte Angriff gegen den liberaldemokratischen Konsens nun  auch rhetorisch- ideologisch in die Offensive geht und auch vor völkischen Parolen nicht zurückschreckt – wie sie in den Reihen der AFD gern bejubelt werden.

Deshalb benutze ich bewusst den alten Kampfbegriff des „Spießers“  — und zwar in seiner traditionellen Bedeutung. Er beschreibt einen Typus,

  • der sich nur in seinen überkommenen Vorurteilen sicher fühlt,
  • der seine antisemitischen oder/und antifeministischen oder/und antimuslimischen oder/und homophoben Ressentiments pflegt,
  • der aus Frust über die da oben Hass gegen die da unten bzw. draußen (die „Fremden“) entwickelt,
  • dem es gelingt, wehleidige Sentimentalität mit menschenverachtender Aggressivität zu verbinden,
  • der weiß, dass die Einwanderer unseren Sozialstaat ausnutzen wollen und zugleich uns die Arbeit wegnehmen,
  • der sich jenen (rassisch, kulturell etc.) überlegen fühlt, vor deren angeblicher Übermacht er sich ängstigt und von denen er sich bedroht glaubt,
  • der sich eine Obrigkeit herbeisehnt, die ihm seine Ressentiments erlaubt,
  • der sich eine Öffentlichkeit wünscht, in der seine Kritiker zum Schweigen gebracht werden, damit er sich seiner „Normalität“ auch ganz sicher sein kann.

Kurzum: Wir haben es hier mit dem klassischen autoritären Charakter zu tun.

Folgen wir dem Konsens des gehobenen Feuilletons, dann ist der Begriff out, zeugt eben nur von veraltetem linkem Denken. Er taugt merkwürdigerweise  dann aber doch zur Etikettierung jener, die sich eher als gesellschaftskritisch verstehen und nun als „alternative Spießer“ bezeichnet werden — es handelt sich dabei entweder um ein Wesen, das Latte macchiato trinkend am Prenzlauer Berg gesichtet wird, oder um einen verstaubten Altlinken, der die gesellschaftlichen Verlierer mit „Wohltaten“ (Mindestlohn) beglücken will.  Gemeinsam ist beiden Spießertypen, dass man ihnen Engstirnigkeit und Selbstgerechtigkeit zuschreibt, was sich in einem Hang zur „politischen Korrektheit“ äußern soll.

Diesen neuen linken Spießer führen die einstigen (und nunmehr gründlich bekehrten) Alt-Spießer-Hasser von 68ff gern dann vor, wenn sie den Irrtümern ihrer linksradikalen Jugendphase abschwören – wobei das Stilmittel der Ironie dem Konvertiten- und Bußritual die Peinlichkeit einer muffigen Demutsgeste nehmen, ja, sogar eine gewisse Eleganz und Leichtigkeit verleihen soll.

Einige dieser Veteranen wollten sich vor Jahrzehnten im Spontimilieu mit tiefentherapeutischer Gründlichkeit von aller Spießermoral emanzipieren, andere feierten zur gleichen Zeit ihre stalinistischen Kostümfeste in albernen Klassenkampf-Kulissen, wo sie ihren autoritären Charakter in den Dienst eines Phantasmas namens „revolutionäre Arbeiterklasse“ stellten.

Dass auch manche unter den Aktivisten, die auf „politischer Korrektheit“ bestehen oder sich irgendwie als „alternativ“ und links  verstehen, zuweilen „spießige“ (engstirnige, dogmatische, verkitschte) Verhaltens- und Denkweisen an den Tag legen, kann schwerlich geleugnet werden. Und überhaupt: Wer zur Selbstkritik fähig ist, ist seinem inneren Spießer ohnehin schon des Öfteren begegnet.

Trotzdem ist es meiner Ansicht nach sinnvoll, an dem traditionellen  Spießer-Bild festzuhalten, um die Kontinuität einer deutschen Tradition antiliberaler, autoritärer (Klein-)Bürgerlichkeit deutlich zu machen. Spießertum wird hier nicht als individuelle Charaktereigenschaft, sondern als politisch ausbeutbares Weltbild verstanden.

Der postnazistische Spießer mag inzwischen die strammen Klänge des Metal-Rock der Marschmusik vorziehen, in seiner  Feindbild-Orientierung und seiner Denkweise (bzw. seiner Denkverweigerung) unterscheidet er sich nicht von seinen Vorgängern.

Im Zusammenhang mit den Attentaten gegen Flüchtlingsunterkünfte wurden manchmal sogar in den offiziösen Medien (die Organe des „Qualitätsjournalismus“) die Studien wahrgenommen, die seit Jahren schon eine Verbreitung rechtsradikaler Denkmuster bis weit in die gesellschaftliche Mitte nachweisen. Damit trat vorübergehend und ohne Folgen für die täglichen Debatten ins öffentliche Bewusstsein, was gern bei Gedenkritualen verschwiegen wird. Der amtliche, in präsidialen Sonntagsreden übliche Selbstbeweihräucherungssprech feiert die „weltoffenen“ Deutschen, als ob sich das traditionelle Spießertum biologisch erledigt hätte – und wo nicht, als ob ein paar volkspädagogische Anstrengungen den Rest erledigen könnten. Eine Illusion.

Die zu wachsender Ungleichheit und zur sozialen Ausgrenzung von Millionen führenden sozio-ökonomischen  Strukturen fördern Ideologien, die von der Ungleichwertigkeit der Menschen ausgehen. Anders gesagt: Es geht hier nicht um überholtes „altes Denken“, sondern um eine akute Reaktion auf die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich aus einer langen üblen Tradition speist – um das Wiedererstarken eines klassischen kleinbürgerlichen Ressentiments, das in der Flüchtlingsfrage ohne Scheu auftrumpft.

 

Beiträge zu dieser Serie erscheinen in loser Folge.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s