Gesicht zeigen

Der Kulturkampf gegen das Tragen der Burka wird von rechts mit verschleiernden Argumenten geführt. Das bringt Linke und linke Liberale in eine schwierige Situation. Einerseits sehen sie sich als Schutzmacht von Minderheiten und als Verteidiger des Toleranzprinzips. Andererseits müssen sie ihre emanzipatorischen und säkularen Traditionen verteidigen. Ein Dilemma, das zu einer selbstbewussten politischen Entscheidung zwingt.

Kleidung ist in modernen, sich demokratisch verstehenden Gesellschaften zunächst einmal Privatsache. Während es in der feudalistischen Epoche Kleidungsvorschriften gab, die die gesellschaftliche Ordnung widerspiegelten und die Einzelnen als Mitglied eines höheren oder niederen Standes auszeichneten, dient in Konsumgesellschaften Kleidung der Selbstinszenierung, die aber zugleich einen Anspruch auf Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu erhebt: Sei es, dass man sich mit teuren Markenklamotten gleichsam einer Konsumelite zurechnet, sei es, dass man konsumkritische Widerspenstigkeit im Punk- oder Gruftie-Habit demonstriert, oder sei es, dass man sich in Schützenuniform als modemuffliger Traditionalist outet. Man kann aber auch in Kleriker-Kluft seinen Glauben demonstrieren.

Kleidung ist auch in unserer Gesellschaft nicht nur ein individueller Akt, sondern immer auch ein­ (allerdings frei gewähltes) gesellschaftliches Statement.

Vergessen wird, dass stets gesellschaftlich ausgehandelt werden musste, was öffentlich getragen werden darf. Dass sich die Stadtgesellschaft von heute gelegentlich wie ein (all-)täglicher Karneval der Kulturen (siehe oben) ausnimmt, ist nicht selbstverständlich. Vor wenigen Jahrzehnten wurden wahre Kulturkämpfe um den Minirock oder den Bikini geführt. Biedere Bürger forderten angesichts langhaariger Jugendlicher („Gammler“) die Wiedereinführung von Konzentrationslagern. Wer heute das Kopftuch für „mittelalterlich“ hält, weiß offensichtlich nicht, dass es noch vor wenigen Jahrzehnten zum Straßenbild unserer Dörfer gehörte.

Wird heute über das Tragen des Kopftuchs auf deutschen Straßen gestritten, wird so getan, als sei der Ist-Zustand einer größeren Freizügigkeit nicht das Ergebnis eines konfliktreichen gesellschaftlichen Prozesses, sondern Ausdruck eines grundsätzlichen und unhistorisch zu bestimmenden  „Wesens“ unserer Kultur. Nur so ließ sich schon das Kopftuch als Symbol eines unüberwindlichen kulturellen Gegensatzes dramatisieren und als Beweis einer absoluten Fremdheit, die Integration unmöglich macht.

Mit der gelegentlich zu sehenden Burka, der Ganzkörper-Verschleierung, steht den Kulturkämpfern nun ein neues und wirksameres exotisches Symbol zu Gebote.

Damit erhielt der Ruf nach Verboten wachsenden Zuspruch. Wie aber kann man in einer Kultur, in der die Freiheit des Einzelnen im Mittelpunkt steht, überhaupt Kleidungsvorschriften begründen? Wie fragwürdig solche Verbote und ihre Durchsetzung sind, ließ sich jüngst an manchen französischen Mittelmeerstränden beobachten. Da sah man rabiate Sittenwächter am Werk, die den Frauen, die zum Baden einen „Burkini“ trugen, dazu zwingen wollten, eine größere Hautfläche zu entblößen, als sie selbst zu zeigen bereit waren. Die Erinnerung daran, dass am gleichen Ort, vor gut einem Jahrhundert, badende Frauen recht züchtig bedeckt waren, unterstreicht nur, wie willkürlich solche Aktionen sind.

Aus der Freiheit, mehr Haut als früher zeigen zu dürfen, kann schwerlich ein Zwang zur Entblößung bestimmter Hautpartien abgeleitet werden. Sicher muss man zunächst darauf bestehen, dass in einer pluralistischen Gesellschaft Muslime ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen (religiösen) Milieu genauso zeigen dürfen wie orthodoxe Juden oder fundamentalistische Christen, die Frauen ebenfalls in üppige Gewandungen stecken. Und dass sie genauso gruppenspezifisch gekleidet sein dürfen wie Rocker oder westfälische Oktoberfest-Bajuwaren.

Den als Sittenwächter – der Bikini repräsentiert offensichtlich die Werte des Laizismus – auftretenden französischen Behörden ging es nach eigenem Selbstverständnis aber wohl nicht um die Erweiterung der sichtbaren Hautzone, sondern um den als Bedrohung empfundenen symbolischen Wert der als „islamisch“ identifizierten Kleidungsvarianten. Dass Kleidung immer auch ein öffentliches Statement ist, sei hier noch einmal wiederholt; mit Kutten auch eine religiöse Überzeugung zu demonstrieren, haben christliche Kleriker und Nonnen seit je für sich in Anspruch genommen.

Wo liegt nun die Besonderheit der islamischen Mode? Welche Provokation stellen denn die asexuell gewandeten Muslimas dar? Stellen Sie damit „unsere Freiheit“ infrage? Oder nutzen sie sie einfach, wenn auch nicht im Sinne der Mehrheitsgesellschaft? Ist hier ein Symbol für die Unterdrückung der Frau „im Islam“ zu sehen? Das setzt voraus, dass die Frauen zu dieser Bekleidung gezwungen werden. Woher wissen wir das? Sollen wir einen liberalen Patriarchalismus gegen den traditionalen setzen und die Frauen möglicherweise auch gegen ihren Willen „befreien“? Handelt es sich hier etwa um das Trotzverhalten einer Minderheit, die im Alltag viele Formen der Diskriminierung erfährt? Oder haben wir es mit einer islamistischen Kampfansage zu tun? Fühlen wir „uns und unsere Werte“ zu Recht bedroht?

Die Angreifer von Rechtsaußen stellen sich solche Fragen nicht – das wäre für sie nur Krampf im Kulturkampf. Sie wissen: Tumbe Eindeutigkeit erhöht die Offensivkraft ihrer Kampagnen. Und tatsächlich nehmen viele Linke eine rein defensive Haltung ein und konzentrieren sich auf die Abwehr der offensichtlich xenophoben Intention der Rechten. Eine von der rechtsextremen Stimmungsmache unabhängige linke Diskussion über die Burka kann in der heutigen vergifteten Atmosphäre kaum stattfinden; die Angst, in die „falsche Ecke“ gestellt zu werden oder das Geschäft der Hetzer zu betreiben, ist groß.

Tatsächlich ist es  kaum möglich, verlässliche, nachvollziehbare, nichtdiskriminierende Kriterien dafür zu entwickeln, wieviel Körperfläche bedeckt sein darf oder muss. Ein Verbotskriterium scheint mir aber nicht willkürlich, sondern sehr wohl begründbar: wenn Frauen mit der Burka oder dem Nikab ihr Gesicht verhüllen. Hier findet eine Entindividualisierung, eine Entpersönlichung statt, die eine gleichwertige, auf Gegenseitigkeit beruhende Begegnung nicht möglich macht. Ein Grundrecht auf Anonymität bei öffentlichen Auftritten gibt es nicht – auch wenn das Versteckspiel mit digitalen Hasskappen zur normalen Pathologie unserer Internet-Öffentlichkeit gehört.

Wenn Frauen in der Öffentlichkeit ihr Gesicht verlieren, ist das mit der Würde des Menschen unvereinbar. Dass es hier um eine Diskriminierung der Frau geht, ist offensichtlich – ihr Körper wird als Objekt des männlichen Blicks und Begehrens definiert. Frauen sollen sich unsichtbar machen, damit Männer ihre Triebe zügeln können.

Hier geht es um die Gleichheit der Geschlechter, keineswegs um Religionsfreiheit. Es gibt keine Stelle im Koran, in der die Totalverschleierung gefordert würde, es handelt sich hier um eine archaische, vorislamische Tradition. Aber auch im umgekehrten Fall stünden in unserer Gesellschaft die Grund- und Freiheitsrechte, die Emanzipation der Frau über der Religionsfreiheit.

Eine Verteidigung emanzipatorischer Standards sollte für laizistische Linke eigentlich selbstverständlich sein. Eine linke Strategie muss aber ihrer eigenen Agenda folgen. Linke müssen selbstbewusst und offensiv andere Prioritäten setzen, vor allem und immer wieder das dramatische Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich skandalisieren und darüber hinaus betonen, dass mit dieser sozialen Spaltung die Demokratie in Gefahr gerät. In dieser Perspektive dient die Burkaverbotsforderung einzig der Ablenkung von grundlegenden sozioökonomischen Konflikten. Das Randthema, dessen Bedeutung kaum quantifizierbar ist, dient zudem erklärten Antifeministen, sich als Frauenrechtler zu präsentieren.

Die Kampagne zeigt einmal mehr, dass mit diesem Kulturkampf unterprivilegierte Gruppen aufeinandergehetzt werden sollen. Und sie bestätigt nur die so banale wie richtige Einsicht, dass die Anfälligkeit für Aggressionen gegen Sündenböcke zunimmt, wenn soziale (Abstiegs-)Ängste wachsen.

Was da bleibt? Linke müssen (ihr linkes) Gesicht zeigen. Was sonst?

  1. Vorschläge für eine bessere Strategie werden gerne entgegengenommen.

 

 

 

 

 

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