Dumm oder dreist?

Frauke Petry will den Begriff „völkisch“ rehabilitieren. Ist sie so ahnungslos, wie sie tut? Oder soll mal wieder ein „Tabu“ gebrochen werden?

Der „Welt am Sonntag“ sagte Frauke Petry in einem Interview, man müsse „daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt ist“. Es sei eine „unzulässige Verkürzung“, wenn gesagt werde, „‚völkisch’ ist rassistisch“. Und weiter: „Ich benutze diesen Begriff zwar selbst nicht, aber mir missfällt, dass er ständig nur in einem negativen Kontext benutzt wird.“ Sie habe ein Problem damit, „dass es bei der Ächtung des Begriffes ‚völkisch’ nicht bleibt, sondern der negative Beigeschmack auf das Wort ‚Volk’ ausgedehnt wird“. Der Begriff „völkisch“ sei letztlich „ein zugehöriges Attribut“ zum Wort „Volk“, sagte Petry.

Man könnte sich von der peinlichen Sextanerlogik gerade der letzten Sätze dazu verleiten lassen, hier vor allem politisch-historische Ahnungslosigkeit zu vermuten. Selbst einer nicht geisteswissenschaftlich ausgebildeten Politikerin müsste aber klar sein, dass Begriffe mehr sind als Buchstabenfolgen, die ein Wort ergeben, das mit anderen Worten irgendwie verwandt ist. Kaum ein Begriff hat eine so eindeutige historische Bedeutung wie „völkisch“. Wie kein anderer steht er für die „Weltanschauung“ des Nationalsozialismus.

Entstanden im 19. Jahrhundert, avancierte er schnell zu einem Topos eines deutschen Sonderbewusstseins, das im Namen der „Kultur“ sich der (minderwertigen) Zivilisation der Franzosen und Angelsachsen überlegen fühlte. Die sich auf den Begriff berufenden „Bewegungen“ standen für eine antidemokratische, antisemitische Tradition, die im Wilhelminismus anwuchs und da schon jene größenwahnsinnigen Machtphantasien entwickelte, die sich dann in den Eroberungs- und Vernichtungskriegen der Nazis austobten. Anders als der republikanisch verstandene Begriff der Nation in der Tradition der Französischen Revolution meint „Volk“ im „völkischen“ Verständnis eine ethnisch homogene „Gemeinschaft“, die nur dann ganz sie selbst und damit „gesund“ sein kann, wenn das „Fremde“ in Gestalt der Juden ausgeschieden wird.

Und das hat Petry nicht gewusst? Aus zwei Gründen rate ich davon ab, hier von Naivität oder gar Blödheit auszugehen. Erstens kann ich nicht einschätzen, ob sie wirklich so doof ist, weil ich sie persönlich nicht kenne. Zweitens sollten die bisherigen Kommunikationsstrategien der antiliberalen autoritären Rechten in Rechnung gestellt werden.

Solche provokativen Wort-Spiele gehören zu den seit Jahren bewusst inszenierten „Tabubrüchen“, mit denen die Grenzen des legitim Sagbaren nach rechts ausgeweitet werden. Und ist der Gegenwind dann stark, will man es „nicht so gemeint“ haben. Und dann steht da wieder ein von jakobinischen Furien verfolgtes Unschuldslamm, dem durch „politische Korrektheit“ untersagt wird, zu blöken, wie ihm das Maul gewachsen ist.

Nachdem in der ersten antiliberalen Angriffswelle der Kampf gegen die Liberalisierungserfolge der siebziger und achtziger Jahre noch als Abwehrkampf im Namen der Freiheit gegen „politische Korrektheit“ geführt wurde, geht es nun darum, die antidemokratische Tradition wieder zum Teil einer deutschen „Normalität“ zu machen und die in den sechziger und siebziger Jahren erreichte kulturelle „Westbindung“ Deutschlands zu revidieren.

Sich dafür aber ausgerechnet einen so klar belasteten Begriff wie „völkisch“ auszusuchen, spricht freilich nicht für eine ausgeprägte politische Intelligenz. Andere haben doch längst das gleiche aggressive antidemokratische Phantasma als „identitäres“ Projekt maskiert.

Dass dieses völkische, deutschnationale Programm sich hinter einem Fremdwort (und dann auch noch römischer! Provenienz) versteckt, gehört zu den absurden Pointen, die die Geschichte immer wieder bereithält.

Den Weltgeist muss man sich wohl als Spötter vorstellen.

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