Von amerikanischen Sozialisten

Wer „die“ Amerikaner für politisch unbedarft hält, glaubt sich durch die aggressiven Albernheiten eines Donald Trump und die große Zahl seiner Anhänger bestätigt. Dabei zeigte der unerwartete Erfolg des erklärten Sozialisten Bernie Sanders bei den Vorwahlen der Demokraten, dass es auch ein linkes Amerika gibt. Eine Buchbesprechung.

Laut Umfragen halten etwa drei Viertel der Amerikaner die Ungleichheit in ihrem Land für ein „gravierendes Problem“. Besonders unter den Jüngeren sollen linke Ideen zunehmend an Akzeptanz gewinnen. Darauf bauen junge amerikanische Linke, die beispielsweise in Publikationen wie „Jacobin“ veröffentlichen.

Nun ist ein Band erschienen,

Sarah Leonard, Bhaskar Sunkara: Die Zukunft, die wir wollen. Radikale Ideen für eine neue Zeit. Europa Verlag, Berlin, München, Zürich, Wien 2016
208 Seiten, 16,99 Euro, auch als E-Book

der die Beiträge von siebzehn jungen amerikanischen Linken versammelt. Darin entwerfen die AutorInnen, die aus dem akademischen Milieu stammen, Strategien, die aus dem neoliberalen Elend der Gegenwart herausführen sollen. Sie konstruieren dabei keine idealistisch ausgemalten Gegenwelten, die auf geschichtsphilosophischen Erlösungsphantasien gründen. Die AutorInnen verstehen ihre Texte als vorläufige Diskussionsbeiträge, sie beschreiben „ebenso utopisch wie pragmatisch“ mögliche Wege zur Verbesserung der Lebensbedingungen und zur Veränderung der Machtstrukturen.

Die amerikanische Linke hat in ihrer Geschichte keine starke politische Partei entwickeln können, sammelte aber reiche Erfahrungen mit Bewegungen, die oft nur lokal oder regional oder thematisch begrenzt agierten. Diese „Graswurzel“-Bewegungen haben die basisdemokratischen Traditionen gestärkt, auf die sich die AutorInnen berufen. Das entscheidende politische Problem für die amerikanische Linke ist, wie all diese Bewegungen zusammengeführt werden können. Die Beiträge plädieren dafür, dass sich etwa feministische, queere oder antirassistische Bewegungen im Kampf gegen soziale Ungleichheit engagieren. Am Beispiel der antirassistischen Bewegung „Black Lives Matter“ zeigen sie im Detail, dass die Diskriminierung strukturelle Ursachen hat und nicht zuvörderst eine Frage der Einstellung ist.

Für ihre kurz- und mittelfristigen Ziele orientieren sie sich am europäischen Sozialstaat. In vielen Beiträgen, die sich zuweilen auf spezifisch amerikanische Begebenheiten beziehen, legen sie Einzelanalysen vor und machen detaillierte Vorschläge zur Finanzierung eines gerechteren Bildungssystems oder zu einer staatlichen Krankenversicherung. Sie fordern einen radikalen Umbau des Polizei- und Strafjustizwesens und Reformen der Wissenschaftsorganisation, die vor allem die Grundlagenforschung stärken und den Einfluss privater Geldgeber einschränken sollen. Es geht immer auch darum, wie ökologische und soziale Belange zusammengeführt werden können.

Grundlage aller Beiträge bildet eine radikale Kritik der sozioökonomischen Verhältnisse und der Entwicklung der amerikanischen Demokratie. Für die AutorInnen sind die Vereinigten  Staaten „faktisch eine Oligarchie“. Sie beschreiben eine Gesellschaft der Ungleichheit, des Mangels an Freiheit von (Lohn-)Abhängigen, der Ausbeutung und der Benachteiligung von Schwarzen und Frauen.

Sie plädieren für pragmatische Vorgehensweisen, die sowohl kurz- wie auch langfristige Ziele im Auge haben. Ausgehend von dem Befund, dass zwischen 2000 und 2011 das durchschnittliche Haushaltseinkommen um 12,4 Prozent gesunken ist, setzen sie sich für höhere Löhne und für Vollbeschäftigung ein. Mit dem Produktivitätsfortschritt ist eine Verkürzung der Arbeitszeit möglich, mit der so erreichbaren Vollbeschäftigung steigt automatisch die (Ver-)Handlungsmacht der Gewerkschaften, deren Bedeutung (nicht nur) in den USA dramatisch gesunken ist. Den Ausbau des Sozialstaats, die höhere Besteuerung der Reichen verstehen sie als „Übergangsforderungen“.

Seth Ackerman etwa macht sich auch detaillierte Gedanken, wie eine gemeinwirtschaftliche Ordnung funktionieren könnte. Dass eine zentrale staatliche Planung scheitern musste, hat der Untergang der Sowjetunion hinlänglich bewiesen. Um das Problem der Preis- und Wirtschaftskalkulation zu lösen, plädiert er nicht nur für autonom geführte Unternehmen (die ihren Mitarbeitern ein demokratisches Mitspracherecht ermöglichen), sondern auch für einen gemeinwirtschaftlich verwalteten Kapitalmarkt. In demokratischen Verfahren soll über die Investitionsziele entschieden werden. So sollen Güterproduktion, technischer Fortschritt und die Erfüllung der materiellen Bedürfnisse zusammengeführt werden.

Eine Erlösung von Verteilungskonflikten, ein Ende von politischen Auseinandersetzungen oder gar das Ende der Geschichte stellen die AutorInnen also nicht in Aussicht. Die Überlegungen enthalten keine ideologischen Monstrositäten wie die Schaffung eines „Neuen Menschen“. Es handelt sich hier um kurz- und langfristige Utopien, die aber keine idealen End-Zustände, sondern Handlungsfelder beschreiben. Sie glauben auch nicht, dass sich private und gemeinschaftliche Bedürfnisse immer so einfach harmonisieren lassen, sie beschreiben hingegen Verfahren, wie Konflikte in einer von Kapitalinteressen freien Gesellschaft ausgetragen werden könnten.

Wie alle, die die bestehenden Verhältnisse nicht als „alternativlos“ akzeptieren, müssen sich die AutorInnen sicherlich dem Vorwurf der utopischen Träumerei stellen. Aber „naiv“ wirken diese Vorschläge nicht, zumal auch immer wieder Skepsis über die eigenen Möglichkeiten anklingt.

Was man von diesen amerikanischen Linken lernen kann, ist ihre Orientierung an praktischen Lösungsmöglichkeiten, die Bedeutung, die sie der (persönlichen) Freiheit zugestehen, und der unprätentiöse, von marxistischem Jargon freie Stil. Bemerkenswert ist ihr unkompliziertes Verhältnis zum technologischen Fortschritt.

Über die Zusammenhänge zwischen den innenpolitischen Verhältnissen und der imperialen Politik der USA erfährt man leider nichts. Außenpolitische Aspekte tauchen in der Textsammlung nicht auf. Ein entsprechender Nachfolgeband wäre wünschenswert.

P.S. Wer sich über die lange Geschichte der amerikanischen Linken, ihre Erfolge und Niederlagen, informieren will, kann auf eine spannend geschriebene Chronik zurückgreifen:

Howard Zinn: Eine Geschichte des amerikanischen Volkes. Nikol Verlag, 689 Seiten, gebundene Ausgabe ab 7,99 Euro

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